Verlust der eigenen »blinden Flecken«

Haben Sie sich schon einmal die Frage gestellt, wann ein Mensch wirklich »echt« ist? Und was ist überhaupt »echt«? Echt ist ein Mensch doch, wenn die Wahrnehmung eines Menschen in der Öffentlichkeit und im Privaten identisch ist. Wenn er also ohne Maske lebt. Das hört sich eigentlich ganz einfach an und ist manchmal doch so komplex.

Meistens glauben wir zu wissen, wer wir sind. Und doch erleben viele Menschen immer wieder Situationen, in denen sie das eben nicht genau wissen und sich ihrer eigenen Echtheit und ihres eigenen Naturells unsicher sind. Ich selbst kenne diese Situationen und diese Unsicherheiten …

Diese Unsicherheiten entstehen unter anderem, weil sich die Fremdwahrnehmung und unsere eigene Wahrnehmung unserer Person unterscheiden: Äußerlich werden wir anders wahrgenommen, als wir uns selbst sehen. Dies wird in der Psychologie als »blinder Fleck« bezeichnet. Zum Beispiel nehmen mich die meisten Menschen als einen sehr strukturierten Menschen wahr, was ich für mich in meiner Welt nun überhaupt nicht bin.

Warum versuchen wir, unser Fremdbild aufrecht zu erhalten?
Warum ist das so? Warum versuchen wir Menschen manchmal die Annahmen und Fremdwahrnehmungen zu bestätigen und aufrechtzuerhalten, auch wenn es gar nicht zu unserer Identität passt? Warum versuche ich beispielsweise, mein strukturiertes Fremdbild aufrechtzuerhalten? Was bringt es mir, dieses nach außen zu bringen, wobei ich doch innerlich auch damit kämpfen muss, wirklich strukturiert zu sein?

Wenn ich zurückdenke und reflektiere, dann fällt mir auf, dass ich oftmals in der Jugendzeit und im jungen Erwachsenenalter dazu animiert wurde, ruhig zu sein, zurückhaltend zu sein, erstmal zu überlegen. Das führte dann dazu, dass ich in verschiedenen Situationen extrem viel nachdenke und mir dadurch sehr stark im Weg stehe. Warum? Weil mein Naturell eigentlich ein anderes ist. Geht es Ihnen vielleicht auch manchmal so? Vielleicht kennen Sie solche Situationen?

Wie ist es möglich entsprechend des eigenen Naturells zu leben?
Wie können wir »echt« sein? Ich habe festgestellt, dass ich meine Gefühle lange Zeit nicht gelebt habe. In meiner Vergangenheit wurde alles von meinem Kopf dominiert. Meine Gefühle habe ich unterdrückt, nicht wahrgenommen, nicht gelebt. Das ist heute glücklicherweise anders. Zwar nicht immer, dennoch nehme ich meine Gefühle wesentlich häufiger wahr. Dabei sind Gefühle ein Gradmesser für unser Handeln, für richtiges Handeln. Und richtiges Handeln entspricht unserem Naturell. Weil es für uns stimmig und echt ist.

Sich Zeit nehmen
In Situationen, die knifflig sind oder in denen ich befürchte, etwas falsch zu machen, nehme ich mir bewusst die Zeit, in mich hineinzuhören. Ich mache das so, dass ich wirklich gedanklich meinen Bauch und mein Herz frage: „Wie stehst Du dazu?“ Zwickt oder zwackt etwas, ist für mich Vorsicht geboten. Was sind eure blinden Flecken? Und wie bearbeitet ihr diese und vor allen Dingen wie schafft ihr es, diese sichtbar zu machen?